Digitalisierung Gesellschaft

Auf die Größe kommt es an

Chinesischer Fischer auf seinem Boot

Wirtschaftswochen-Herausgeberin Miriam Meckel ist nach China gereist. Zurück kommt sie mit einem naiven Loblied auf die Digitalisierung im Reich der Mitte.

Plötzlich interessieren sich immer mehr deutsche Medien für China. Wird auch Zeit!, möchte man sagen. Schließlich werden in Fernost seit Jahren nicht mehr nur im Westen entwickelte Smartphones zusammengeschraubt. China macht vorwärts in Sachen Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Plattform-Economy. Es hat aber etwas gedauert, bis es sich auch bei deutschen Verlagen herumgesprochen hat, dass mittlerweile neun der 20 weltweit größten Internet-Firmen aus dem Reich der Mitte stammen.

Und so ist nun auch Miriam Meckel nach Peking und Shanghai (wohin sonst?) gereist, um sich anzusehen, wie es um die Digitalisierung in Fernost steht. Was sie dort gesehen und erlebt hat, musste sie umgehend in eine Episode über die Digitalisierung “Made in China” für den in ihrem Haus erscheinenden Pocast des ada-Magazins verarbeiten. Das hat sich zum Ziel gesetzt, “heute das Morgen verstehen” zu wollen und verspricht “unabhängigen Journalismus”. Dass der dann nicht auch noch kritisch sein muss, macht Meckel in der Padcast-Episode “Made in China” deutlich. Wie hätte sie auch drauf kommen sollen, dass ihr bei der Organisierten Reise – immer begleitet vom “sehr netten, sehr hilfbereiten, sehr informierten und auch sehr niedlichen” chinesischen Reiseleiter – vielleicht nicht das reale Bild von China gezeigt wird? Völlig ohne einordnende Stimmen von Experten, die wirklich eine Ahnung von der Situation vor Ort haben, beschreibt sie ein hyper-dynamisches Wirtschaftswunder (ergänzt durch etwas naive Alibi-Kritik an der Totalüberwachung), das Europa gerade sehr alt aussehen lässt. Noch völlig “geflasht” vom digitalen leben in China (um auf öffentlichen Toiletten Klopapier zu bekommen, muss man einen Barcode scannen) zeichnet sie ein Bild des chinesischen Aufschwungs, wie es sich das Politbüro nicht besser hätte ausdenken können. Schade, denn der Holtzbrinck-Verlag, für den sie schließlich arbeitet, hat zum Beispiel mit Frank Sieren einen echten China-Experten an der Hand.

Protektionismus in Reinform

Doch was steckt wirklich hinter dem digitalen Erfolg der Chinesen? Zunächst einmal ein riesiger Internet-Markt. Im Juni 2018 hat die Nutzer-Zahl die 800-Millionen-Grenze überstiegen. Damit sind zwar gerade einmal 60 Prozent der Chinesen an den Wirtschaftsmotor Internet angeschlossen, gleichzeitig aber dreimal so viele Menschen, wie in den USA. Hinzu kommt, dass die meisten Chinesen direkt in die mobile Welt springen. Heißt: Sie nutzen direkt das Smartphone als Zugang zum Netz der Netze und seinen verlockenden kommerziellen Angeboten. Das ist günstig, bequem und immer griffbereit.

Dieser riesige Markt ist eine ideale Umgebung für neue Plattformen, die so bereits in ihrem lokalen Markt die Möglichkeit haben sich zu entwickeln und enorm zu wachen. Das weiß und erwähnt auch Meckel. Was sie aber übersieht ist, dass der chinesische Online-Markt mittlerweile komplett abgeschottet ist. Auch, wenn wir uns im Westen das gern mit der Überwachungswut der Chinesen erklären, im Grunde ist es vor allem eins: Protektionismus. Geschützt vor den Originalen können die chinesischen Kopien von Facebook, Google, Whatsapp, Netflix & Co. in Ruhe zur Marktmacht wachsen. Funktioniert hat das zum Beispiel bei WeChat – das chinesische Whatsapp, ohne das im Reich der Mitte kaum ein Mensch mehr am täglichen Leben teilnehmen kann. Von dort aus erobert das Schweizer Taschenmesser unter den Messenger-Apps mittlerweile auch den südostasiatischen Markt. Konkurrenz haben die Chinesen lediglich auf dem Taxi-Markt zugelassen, wo sich Didi und Uber eine vernichtende Preisschlacht geliefert haben.

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Zugute kommt der chinesischen Internet-Wirtschaft sicherlich auch, dass der Staat sie stark unterstützt. Denn er braucht die Erfolge für die eigenen PR-Maßnahmen (zum Beispiel um deutschen Verlegerinnen eine tolle Info-Reise durch das digitale China zu organisieren). Mit kaum etwas kann man heute stärker beeindrucken als mit Super-Computern, High-tech-Spielereien und künstlicher Intelligenz. China will nach oben – vor allem wirtschaftlich. Da erhalten die heimischen Größen der Zukunftsbranche gern jegliche Unterstützung, die sie brauchen. Und notfalls werden auch ausländische Konkurrenten aus dem Weg geräumt.

Verkennen darf man andererseits nicht, wie stark die Startup-Mentalität im Reich der Mitte ist. Hier wird auf volles Risiko gegangen. Die Investitionssummen stehen denen in den USA in nichts nach. Jeder mit einer einigermaßen guten Idee will es versuchen. Einige schaffen es. Von ihnen hören und lesen wir. Mehr gehen unter. Doch gemessen an diesem Spirit wirken europäische Manager in der Tat ziemlich satt – von Politikern ganz zu schweigen. Für viele scheint der Job darin zu bestehen, sich an ihrem Stuhl möglichst fest zu kleben. Ob dieser Eindruck die Realität widerspiegelt oder nur unterschiedliche Qualitäten von Selbstvermarktung, sei einmal dahin gestellt. Sicher ist, dass die Chinesen in Sachen Kommunikation ziemlich weit vorne mitspielen.

Es wird jedenfalls höchste Zeit, dass Europa aufwacht. Bei allen Widrigkeiten, die die Europäische Union mit sich bringt, sie ist unsere größte Zukunftschance. Aus Chinesischer Sicht ist Deutschland, das Einwohner-reichste Land der EU, gerade mal eine Metropolregion. Ein nennenswerter Markt ist es nicht. Statt die chinesische Überwachungsmentalität und die Situation der Menschenrechte im Land zu kritisieren, sollten europäische Politiker lieber auf faire wirtschaftliche Bedingungen drängen. Doch, wer seine Interessen in einer neoliberalen Weltwirtschaft durchsetzen möchten, der braucht eine Marktmacht, die die Chinesen beeindruckt. Das ist weder Deutschland, noch Frankreich, noch Italien. Das kann nur die EU. Dazu muss sie aber endlich mit einer Stimme sprechen.

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